Hans-Gert Pöttering

Präsident des Europäischen Parlaments a.D.

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Rede des Präsidenten des Europäischen Parlaments anlässlich des Gedenktages zu Ehren von József Antall

vom 29.01.2009

Herr Bundesminister, lieber Wolfgang Schäuble,
Herr Präsident, lieber Valery Giscard d’Estaing
Herr Ministerpräsident a.D., Lieber Edmund Stoiber,
Herr Vizepräsident der EVP-ED Fraktion, Lieber József Szájer,
Sehr verehrte Frau Klára Antall,
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Exzellenzen,
Sehr verehrte Damen und Herren,
Liebe Freunde,

Es ist mir eine große Freude und Ehre, Sie heute zu diesem Gedenktag zu Ehren von József Antall im Europäischen Parlament begrüßen zu dürfen.

Wir sind heute hier, um einen zu früh verstorbenen Staatsmann, ein Symbol der demokratischen Wende in Ungarn und der Wiedervereinigung Europas, zu ehren.

Wir würdigen in ihm eine außergewöhnliche Persönlichkeit der Zeitgeschichte, einen Menschen, der Geschichte mitgeschrieben hat und selbst zur Person der Geschichte geworden ist.

Man bräuchte Stunden um ausführlich auf den Menschen und den Politiker József Antall einzugehen. Unter uns sind heute Kollegen, Freunde und Weggefährten von József Antall, die ihn persönlich gut gekannt haben und im Laufe dieser Veranstaltung auch viel über ihn selbst und sein Wirken sprechen werden.

Erlauben Sie mir daher, an dieser Stelle vor allem auf die Bedeutung seines Wirkens für Ungarn, für Europa und für Ungarn in unserem gemeinsamen Europa einzugehen.

Gerade für einen deutschen Staatsbürger und überzeugten Europäer wie mich verbinde ich mit der Erinnerung an József Antall die Jahre des demokratischen Umbruchs und Aufbruchs, an den Sturz der kommunistischen Regime und an den persönlichen Mut der Menschen in Polen, Ungarn und allen anderen Ländern Mittel- und Osteuropas.

Die Wiedervereinigung Europas heute verdanken wir zuallererst dem Mut und dem Freiheitswillen der Völker dieser Region. Ohne den Freiheitswillen der Menschen in diesen Ländern wäre auch die Einheit Deutschlands nicht möglich gewesen.

Erinnern wir uns aber daran, dass dieser historische Prozess seinen Anfang auch mit in der großen geistigen Kraft des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. genommen hat, der seinen polnischen Landsleuten in den 80er Jahren zurief: “Habt keine Angst!”

Ich möchte an dieser Stelle einen ehemaligen Kollegen im Europäischen Parlament erwähnen, der nicht nur anwesend war, als die Grenze zwischen Ungarn und Österreich geöffnet wurde, sondern der Ungarn auch sozusagen schon vor der Wende im Europäischen Parlament vertreten hat: Otto von Habsburg.

Auf seine Initiative hin wurde am 8. Juli 1982 für die unterdrückten Völker jenseits des Eisernen Vorhanges ein leerer Stuhl im Plenum des Europäischen Parlaments aufgestellt.

Dies war ein brennendes Symbol der Hoffnung der Menschen der damaligen europäischen Gemeinschaft auf den Tag an dem die Menschen Mittel- und Osteuropas einmal wieder ihren abgestammten Platz in unserer gemeinsamen Familie der freien Demokratien einnehmen würden.

Dieser Traum, diese Sehnsucht nach Freiheit war auch das Lebensziel eines József Antall – ein Ziel, für das er bereits 1956 kämpfte und wofür er mehrmals verhaftet wurde und Unterrichtsverbot erhielt.
Sein Traum hat sich vor zwanzig Jahren erfüllt: Der leere Stuhl ist heute besetzt. Das ist das Wunder unserer Generation, und darüber freuen wir uns alle aus ganzem Herzen.

Diesen Sieg der Demokratie über das Elend, des Rechts über das Unrecht, des Respekts für die Würde des Menschen über die Willkür: Dies alles verkörperte der Politiker, der Mensch und der Christ József Antall.

Als Vertreter des Ungarischen Demokratischen Forums hat József Antall durch seine entschlossene Mitwirkung an den Arbeiten des runden Tisches der Opposition und an der Verfassung der neuen ungarischen Institutionen erheblich den Kurs hin zu einem friedlichen und demokratischen politischen Umbruch in Ungarn mitgetragen.

Als erster frei gewählter Regierungschef Ungarns schuf József Antall die Voraussetzungen für die wirtschaftliche und außenpolitische Wende Ungarns:

Sein Beitrag zum Zusammenbruch des Warschauer Paktes und zum vollständigen Rückzug der sowjetischen Truppen aus Ungarn ist nicht hoch genug einzuschätzen.

In den Jahren von 1990 bis zu seinem Tod im Dezember 1993 setze er die richtigen Weichen auf dem Weg in eine soziale Marktwirtschaft und für einen möglichst raschen Beitritt seines Landes zur Europäischen Union.

Der Entschlossenheit und europäischen Gesinnung József Antalls verdankt Ungarn den zügigen Fortschritt bei der Integration in die Familie der demokratischen Staaten Europas.

Zu Recht stellte er die Europäische Union als Antwort auf die große Hoffnung der Menschen nach Frieden, Demokratie und Gerechtigkeit dar. Bereits 1990 wurde Ungarn in den Europarat aufgenommen, 1991 unterzeichnete die Regierung mit der damaligen Europäischen Gemeinschaft ein Assoziierungs- abkommen.

Zwar wurde der Antrag auf Vollmitgliedschaft in die Europäische Union erst ein paar Monate nach dem Tod József Antalls gestellt, doch hat die Regierung unter seiner Führung in vieler Hinsicht die Weichen gestellt.

Zur Ehre der Leistung József Antalls in Zeiten des Umbruchs auf unserem Kontinent und als Symbol für den Sieg unserer gemeinsamen Werte in Europa, hat das EP beschlossen, das neue Gebäude, welches auf die Place Luxemburg hinausblickt, nach diesem großen Staatsmann zu benennen. Die offizielle Einweihung wird im Laufe des Frühjahrs 2009 stattfinden.

Ich freue mich aus ganzem Herzen über diese Entscheidung der zuständigen Gremien des Europäischen Parlaments. Sie gibt dem Andenken an einen großen Europäer und überzeugten Demokraten einen würdigen Platz im Zentrum der europäischen Demokratie, in unserem gemeinsamen Europäischen Parlament, in dem auch dank seines Wirkens Ungarn heute den einst leeren Stuhl einnimmt.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.